Fieber Index

Die „Fieberkurve“ der Rebsorten zeigt beständig nach obenHughlin Index
Im europäischen Raum ist der Huglin-Index ein beliebtes Maß zur Beurteilung der Anbaufähigkeit bestimmter Rebsorten in verschiedenen Weinbauregionen. Wärmesummenindizes charakterisieren die thermischen Bedingungen eines Standorts. Basierend auf der engen Beziehung zwischen Tagesmitteltemperatur und dem Wachstum der Rebe bzw. der Reife der Trauben, werden sogenannte Gradtage aus der Tagesmitteltemperatur, abzüglich einer Basistemperatur, über die Vegetationsperiode gebildet. Als Schwellenwert wird meist 10°C angesetzt. Der Zusammenhang von Temperatursummen und der Physiologie der Rebe ist in D. Hoppmanns Buch „Terroir“ (2010) ausführlich dargestellt. Nach dem Index von P. Huglin (1978) werden alle Tagesmitteltemperaturen und Tagesmaxima abzüglich des Schwellenwerts von 10 °C ab 1. April bis 30. September aufsummiert. Aus dem Wärmeanspruch verschiedener Rebsorten entwickelte P. Huglin eine Skala mit einer Untergrenze von 1500 Gradtagen (Einheit H), die die Grenze des empfohlenen Anbaus der Rebsorte Müller-Thurgau markiert. Mit steigendem Wert wird der Anbau thermisch anspruchsvollerer Sorten möglich.
Mit dem, bereits seit über 100 Jahren messbaren, Anstieg der Durchschnittstemperaturen ist in unserer Region Rhein-Nahe auch der Huglin-Index gestiegen. Innerhalb der letzten 85 Jahre ist ein Anstieg des Index um 300 Gradtage auf aktuell 1800 H, in guten Lagen auch über 1900 H zu verzeichnen. Das hat weitreichende Folgen für die Sortenwahl bei der Bepflanzung der Weinberge. Bis in die 1980er Jahre hinein war es in sehr vielen Jahren noch schwierig, den Riesling überhaupt zur Reife zu bringen. Das ist nun in jedem Jahr möglich. In sehr seltenen Jahren ist die Reife zu hoch, was sich in zu alkoholreichen und wenig fruchtigen Weinen widerspiegelt. Wobei der Standort eine sehr große Rolle spielt. In Höhenlagen oder flacheren Lagen mit weniger intensiver Sonneneinstrahlung, lassen sich gerade in diesen extrem warmen Jahren auch weiterhin sehr gute Ergebnisse erzielen. Die Zeit für den Riesling scheint also noch nicht vorbei zu sein. Zumindest in den nächsten 20-30 Jahren. Danach könnte es sich ändern. Die Forschungsanstalt Geisenheim geht von einem Anstieg des Huglin-Index um weitere ca. 200 Gradtage bis 2050 für den Standort Geisenheim aus. Dann wird es in vielen, heute klassischen, weil begünstigten, Weinlagen eng werden. Aber in jedem Risiko liegt auch eine Chance. Im Weingut Montigny wurde bereits 2017 die Rebsorte Merlot dort gepflanzt, wo es dem Frühburgunder zu warm geworden war. 2020 folgte dann Viognier und im Frühjahr 2021 werden in der Top Weinlage Laubenheimer Karthäuser die ersten Rebstöcke der Sorte Syrah einen Grauburgunder ersetzen. Diese Sorten haben alle einen deutlich höheren Wärmebedarf und damit auch ein Optimum jenseits der bislang klassisch angebauten Sorten. Es gilt zu reagieren, denn die Fieberkurve wird nicht mehr nach unten zeigen!
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