Der Weinberg

Rebschnitt – Alles ErziehungssacheSascha Montigny Rebberg

Die Rebe (lat. Vitis) ist, botanisch gesehen, eine Rankpflanze. Wildreben nutzen Büsche und Bäume um nach oben, in Richtung Sonnenlicht, zu wachsen. Das ist durch eine hormonell gesteuerte Bevorzugung der obersten Knospen möglich. Diese sogenannte apikale Dominanz lässt als Folge näher am Stamm befindliche Knospen zurückbleiben. Mit den Jahren „entfernen“ sich die grünen Rebtriebe, die die Trauben tragen, daher immer weiter vom Stamm, der langsam verkahlt.

Die rationelle Bewirtschaftung der Kultureben (Vitis vinifera = traubentragend) erfordert daher einen Rückschnitt der verholzten Triebe im Winter. Dabei gibt es unterschiedliche Bewirtschaftungssysteme, die eine „Erziehung“ der Rebstöcke in eine dauerhafte, gleichbleibende Form ermöglichen. Für die Wahl bestimmter Erziehungssysteme sind vor allem klimatische Bedingungen entscheidend. In besonders heißen und trockenen Regionen wachsen Reben oft nur in bodennahen Büschen, bei denen die Blätter die Trauben vor zu intensiver Sonne schützen können. Dort wo es im Winter sehr kalt wird, gilt es die Knospen vor Temperaturen unter -15 Grad Celsius zu schützen, da sonst die Knospen erfrieren. Auch hier wachsen die Stöcke bodennah und können in der kalten Jahreszeit mit Erde abgedeckt werden.

Die größte Verbreitung weltweit haben aber Erziehungssysteme mit einer Unterstützungsvorrichtung für die Pflanzen. Große Bedeutung besitzen auf der einen Seite horizontale System wie die Pergola in Südtirol, bei der die Triebe und Trauben über Kopf auf der ganzen Fläche verteilt werden. Die wichtigste Erziehung in klimatisch gemäßigten Zonen, etwa in Deutschland, erfolgt allerdings vertikal im Spalier. Das sehr aufwändige System mit Pfählen und Drähten (Drahtrahmen) ermöglicht nicht nur die Blätter in einer Art „Laubwand“ optimal zur Sonne auszurichten, sondern auch die Trauben dem Licht auszusetzen. Das hat eine optimale Photosyntheseleistung zur Folge, die Trauben können aber nicht nur einen hohen Zuckergehalt, sondern auch eine Aromareife erreichen, die gehaltvolle und charakterreiche Weine ergibt.

 

Weinberge

Gegen Ende der Vegetation werden  wichtige Mineralstoffe aus den Blättern in den Stamm zurückverlegt, der damit an Frostfestigkeit gewinnt. Die Blätter, an den nun verholzten Rebtrieben, verlieren ihre grüne Farbe in Richtung Gelb oder Rot. Nach dem ersten Frost (meist Ende November) verwelken die Blätter und fallen zu Boden, die zeitintensivste „Stockarbeit“ im Weinberg beginnt. Dabei verbleibt in der Regel lediglich eine „Fruchtrute“ (verholzter Trieb) mit etwa 8-12 Winterknospen. Rund 100 Stunden pro Hektar Weinberg (mit etwa 4.000 Rebstöcken)  benötigen Fachkräfte, um das überschüssige Holz zu entfernen. Meist erst im März, möglichst bevor die Frühlingssonne die Knospen erneut anschwellen lässt, kann dann die Winterarbeit mit dem Anbinden der Fruchtrute an den Drahtrahmen beendet werden.