Die Ernte

„In meinen Kindheitserinnerungen an die Weinlese finden sich nur Attribute wie kalt und nass oder Worte wie Nebel und Tau. Denn die Ernte begann meist im Oktober und endete sehr oft erst im November“, sagt Sascha Montigny rückblickend. Nach nunmehr 35 Weinjahrgängen im Erfahrungsschatz, sollte man meinen, dass ein Winzer alle Kapriolen des Wetters schon einmal erlebt hat. Und sicher, der „Goldene Oktober“ ist kein neues Phänomen. Auch früher setzte sich Mitte bis Ende Oktober eine ruhige, stabile Hochdrucklage durch, die Sonnenschein und milde Tage mit sich brachte. Und nur trockenes, mildes Wetter erlaubt es die Trauben lang am Rebstock zu belassen, um eine optimale Reife zu erlangen, ohne das sich Fäulnis einstellt. Schon Rilke erbat in seinem Herbstgedicht 1902 solche Tage, in denen „Die letzte Süße in den schweren Wein gejagt“ wird.

 

Merlot TraubenDas sich aber die warme und trockene Witterung vom Frühjahr über den Sommer bis in den Herbst hinein fortsetzt, ist schon sehr besonders. Die Trockenheit im Herbst 2018 verhinderte eine Ausbreitung von Pilzen, an den Trauben war folglich keine Fäulnis zu finden. Eigentlich könnten daher die Trauben noch lange am Rebstock bleiben. Aber bedingt durch die hohen Temperaturen stiegen die Zuckergehalte (und damit der Alkoholgehalt im späteren Wein) sehr schnell stark an. Darauf galt es anders zu reagieren als gewohnt. Die Ernte der Frühburgundertrauben erfolgte bereits am 21. August. Die durch Ausdünnung ertragsreduzierten Weinberge hatten einen gewaltigen Reifevorsprung. Um überreife Trauben mit zu hohen Zuckergehalten zu vermeiden, wurden im Weingut Montigny bereits Anfang September die besten Grau- und Spätburgunderweinberge mit optimaler Reife um die 100 °Oechsle (Oechsle° = Zuckerbestimmung anhand der Dichte) abgeerntet. Schon am 20. September konnten die Lesehelfer die ersten Rieslingtrauben von den Rebstöcken schneiden. Und noch im September endete die Ernte 2019 im Weingut Montigny mit der Lese im besten Rieslingweinberg in der Weinlage Karthäuser! Das Resümee von Sascha Montigny lautet: „Noch nie in 35 Jahren habe ich so qualitativ hochwertige Trauben in praktisch allen unseren Weinbergen gesehen. Die Arbeit während des Sommers hat sich gelohnt. Das Ernten hat unseren Lesehelfern so richtig Spaß gemacht, denn die herrlichen Trauben mussten kaum selektiert werden!“

 

Nun ist Ruhe eingekehrt im Weinberg, während im Keller noch die letzten Moste zu Wein vergären. Weine aus einem bemerkenswerten Jahrgang, an den wir uns wohl noch lange gut erinnern.

 

Herbsttag

HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

Rainer Maria Rilke
(Herbst 1902)